Apfelbaum

Hildegard von Bingen schreibt:

„Der Apfelbaum ist warm und feucht, und zwar von solcher Feuchtigkeit, dass er sogar zerflösse, würde er nicht durch die Wärme zusammengehalten.

Und der Mensch, sei er alt, sei er jung, wenn er an irgendeiner Augentrübung leidet, nehme im Frühling die Blätter jenes Baumes, bevor er die Früchte des Jahres hervorbringt, nämlich dann, wenn (die Blätter) im ersten Ausbrechen zur Frühlingszeit sind, weil sie dann zart und heilkräftig sind wie die jungen Mädchen, bevor sie Kinder bekommen. Und diese Blätter zerstoße er und drücke ihren Saft aus und gebe dazu ein gleiches Maß von Tropfen, die aus der Rebe fließen, und bringe (das) zusammen in ein Gefäß. Und abends, wenn er schlafen geht, salbe er damit die Lider und die Augen mit einer (darin) eingetauchten Feder ein wenig, wie wenn der Tau auf das Gras fällt, und so, dass nichts ins Auge gelange. Und dann besprenge er mäßig die vorhin genannten mäßig zerstoßenen Blätter mit den vorhin genannten Tropfen, die aus der Rebe fließen, und lege dies auf seine Augen und halte es mit einem Tuch zusammen und so schlafe er. Und dies tue er öfters und die Augentrübung wird weichen und er wird klarer sehen.

Aber wenn im Frühling beim ersten Aussprießen des Apfelbaumes die Knospen hervorkommen, brich ein Zweiglein ab, ohne es mit dem Eisen zu durchtrennen, und ziehe da und dort ein Hirschleder durch die Aussprossung des Baumes, so dass (das Hirschleder) von seinem Saft durchtränkt wird. Und wenn du dort keine Feuchtigkeit mehr bemerkst, dann mache mit einem Messerchen in die Aussprossung winzige Stiche, d.h. hacke, damit mehr Saft ausfließt, und ziehe so jenes Leder durch diese Stelle und diesen Zweig und tränke es mit jenem Saft so sehr du kannst und dann lege es an einen feuchten Ort, damit es jenen Saft, den es vom Baum und vom Zweig bekommen hat, umso mehr in sich aufnehme. Und wenn jemand von Gicht in der Nieren- oder Lendengegend geplagt wird, umgürte er jenes Leder auf das nackte Fleisch, damit der Saft, den (das Leder) vom vorgenannten Apfelbaum angezogen hat, auf das Fleisch jenes (Kranken) übergehe, und so wird er sich besser befinden.

Und wer durch eine Leber- oder Milzschwäche oder von üblen Säften des Bauches oder Magens oder von Migräne im Kopf leidet, der nehme die ersten Sprossen, das heißt die Knospen des Apfelbaumes, und lege sie in Baumöl und er wärme sie in einem Gefäß an der Sonne und abends, wenn er schlafen geht, salbe er den Kopf mit diesem Öl und tue dies öfters, und er wird sich besser im Kopf befinden.

Und zur Frühlingszeit, wenn schon die Blüten hervorsprießen, nimm Erde, die sich um die Wurzel des genannten Baumes befindet, und wärme sie am Feuer, und wenn jemand in den Schultern oder in den Lenden oder im Bauch Schmerzen hat, dann lege das Warme auf den Ort, wo es schmerzt, und er wird sich besser befinden. Aber nachdem die Früchte dieses Baumes schon angesetzt haben, so dass sie dicker zu werden beginnen, dann ist diese Erde gegen diese Krankheiten nicht mehr tauglich, weil der Saft dieser Erde und der Saft des Baumes schon in jene Früchte aufgestiegen sind und daher ist er umso schwächer in jener Erde und in den Zweigen.

Aber die Frucht jenes Baumes ist zart und leicht verdaulich und roh genossen schadet sie gesunden Menschen nicht, denn wenn der Tau in seiner Kraft steht, das heißt, weil seine Kraft vom Beginn der Nacht bis fast zum Tagesanbruch zunimmt, dann wachsen die Äpfel durch den Tau, das heißt sie werden reif. Und daher sind für gesunde Menschen die rohen (Äpfel) gut zu essen, weil sie aus starkem Tau gekocht sind. Den Kranken aber schaden rohe (Äpfel) eher, weil sie schwächlich sind. Aber die gekochten und gebratenen sind sowohl für die Kranken als auch für die Gesunden gut. Aber wenn sie alt und runzlig werden, wie es im Winter geschieht, dann sind sie roh für Kranke und Gesunde gut zu essen.“

Zusammenfassung:
Für Gesunde roh gut zu essen, den Kranken schaden rohe Äpfel eher.
Gekocht und gebraten für alle gut

Anwendungsgebiete:
Augentrübung, Nieren-Gicht, Kopfleiden, Migräne, Schulter-, Lenden-, Bauchschmerzen

Bildquelle: wikimedia.org, Shadowmeld Photography

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