Birnbaum

Hildegard von Bingen schreibt:

„Der Birnbaum ist mehr kalt als warm und so schwer und so fest im Vergleich zum Apfelbaum wie die Leber zur Lunge. Denn wie die Leber ist er stärker und nützlicher, aber auch schädlicher als der Apfelbaum.

Seine Wurzeln, die Blätter und sein Saft sind für Heilmittel nicht brauchbar wegen seiner Härte, aber seine Mistel taugt einigermaßen für die Medizin. Wenn daher jemand Schmerzen auf Brust und Lunge hat, das heißt dämpfig ist, nehme er die Mistel des Birnbaumes und pulverisiere sie und diesem Pulver füge er ein anderes Pulver aus Süßholz bei und so esse er es oft vor und nach Tisch, und es wird ihm auf der Brust und in der Lunge besser gehen.

Aber wer an Gicht leidet, lege diese angenehm schmeckende Birnbaum-Mistel klein geschnitten drei Tage und Nächte lang in Olivenöl ein und dann zerlasse er zweimal so viel Hirschtalg als Öl am Feuer und er lege in dieses Fett zwei Tage und Nächte lang gut zerriebene und zerkleinerte Nardenspitze und dann zerstoße er kräftig das Öl mit der darin eingelegten Mistel und presse den Saft durch ein Tuch und er zerlasse nochmals Hirschtalg mit Nardenspitze mäßig am Feuer.

Jedoch die Frucht des Birnbaumes ist schwer und gewichtig und herb; und wenn sie jemand roh zu reichlich isst, verursacht sie Migräne im Kopf und macht die Brust dämpfen, weil in der Lunge etwas von seinem Saft angezogen wird und dorthin abgeleitet wird, so dass dieser Saft um die Leber und um die Lunge wie Bleisinter gleich Weinstein verhärtet, und daher entstehen in der Leber und in der Lunge oft schwere Krankheiten. Und wie auch der Mensch von Geruch des Weines zuweilen satter wird, so mischt sich auch der Atem mit dem Birnsaft und nimmt dessen Herbheit an. Daher zieht auch jener, nachdem er eine rohe Birne gegessen hat, (nur) schwer den Atem in sich ein, so dass auch bis- weilen viele Krankheiten in seiner Brust daraus entstehen.

Denn wenn die Kräfte des Taues bei Tagesanbruch zerfließen, dann wachsen die Birnen von jenem Tau und daher verursachen sie auch schädliche Säfte im Menschen, weil sie im abfließenden Tau wachsen, wenn sie nicht gekocht werden. Wer daher Birnen essen will, soll sie in Wasser kochen oder am Feuer braten; jedoch sind die gekochten besser als die gebratenen, weil das warme Wasser den schädlichen Saft, der in ihnen ist, allmählich auskocht, aber das Feuer ist zu schnell und drückt beim Braten nicht den ganzen Saft aus ihnen aus. Und den, der gekochte Birnen isst, beschweren sie ziemlich, weil sie die Fäulnis in ihm mindern, indem sie dieselbe aufsuchen und brechen, jedoch bewirken sie bei ihm eine gute Verdauung, weil sie die Fäulnis mit sich abführen. Äpfel hingegen werden leicht verdaut und führen die Fäulnis nicht ab.

Nimm aber Birnen und zerschneide sie und wirf ihre Kerne weg und koche sie dann stark im Wasser und zerquetsche, was wie Breimus wird, und nimm Bärenwurz und weniger Galgant als Bärenwurz und weniger Süßholz als Galgant und weniger Pfefferkraut als Süßholz; oder wenn du keine Bärenwurz hast, nimm Fenchelwurzel und pulverisiere dies und mische diese Pulver zusammen und lege sie in mäßig erwärmten Honig und füge die vorgenannten Birnen bei und mische es unter heftigem Rühren zusammen, das heißt treibe es zusammen, und tue es in eine Büchse und iss täglich nüchtern einen kleinen Löffel voll, nach dem Essen zwei Löffel und abends im Bett drei Löffel, und das ist die beste Latwerge und kostbarer als Gold und nützlicher als das reinste Gold, weil es die Migräne wegnimmt und die Dämpfigkeit mindert, welche die rohen Birnen in der Brust des Menschen verursachen. Und alle üblichen Säfte, die im Menschen sind, vernichtet sie und reinigt den Menschen so, wie ein Geschirr vom Schmutz gereinigt wird.“

Zusammenfassung:
Hier findet sich der berühmte Hildegard-Text über die Bärwurz-Birnhonigkur;
Frucht nur gekocht oder gebraten unbedenklich, Wurzeln, Blätter, Saft nicht für Heilmittel brauchbar, rohe Frucht kann Schmerzen an Brust und Lunge verursachen, Birnen machen schweratmig und können Migräne auslösen

Anwendungsgebiete:
Gicht, Migräne, Dämpfigkeit (Lungenemphysem)

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